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Ein Blick in die virtuelle Zivilgesellschaft Irans

Irans Staatsoberhaupt sorgt für Wirbel bei Facebook

Der Eintritt von Ayatollah Ali Khamenei bei Facebook sorgt unter Internet-Usern, vor allem bei Mitgliedern des sozialen Netzwerkes, für hitzige Reaktionen. Tausende Fans klicken „gefällt mir“, andere reagieren mit harscher Kritik oder zynischen Bemerkungen. mehr »

 

Nun ist auch der religiöse Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, bei Facebook. Und das, obwohl das Internet-Netzwerk seit den Protesten gegen die umstrittenen Ergebnisse der iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 streng verboten ist und von der Regierung gefiltert wird. Zuwiderhandlungen stehen unter Strafe. Khameneis Facebook-Seite gehört in der iranischen Internetgemeinde zu den heiß diskutierten Themen. Bis Mittwochabend hatte sie bereits mehr als 16.000 Fans. Da der Zugriff auf Facebook aber verboten ist, gehen viele davon aus, dass die Fans hauptsächlich aus dem engsten Kreis des Machtzirkels stammen.

Bunte Kommentare

Manipulierte Facebook-Seite von Khamenei im Weblog "Evolution Adam"

Manipulierte Facebook-Seite von Khamenei im Weblog „Evolution Adam“

Neben zahlreichen Lobpreisungen des „heiligen Führers“  - „Wir sind Deine treuen Gefolgsleute“ — und einigen vulgären Kommentaren gibt es auch ernste Kritik: „Es ist gut, dass Sie bei Facebook sind“, schreibt ein Nutzer, „weil das hoffentlich den Weg dafür ebnen wird, dass Social Media im Iran nicht mehr gefiltert werden.“ Nicht nur auf Facebook selbst wird Khameneis Profil aufgegriffen. Der Blogger „Saabz“ etwa schreibt: „Was für die Bevölkerung verboten ist, ist für ihn erlaubt.“ Saabz empört sich über das „willkürliche Handeln“ der Verantwortlichen im Iran und hinterfragt die Gesetzgebung: „Während wir uns mit der Nutzung von Facebook strafbar machen, einige deswegen sogar ausgepeitscht wurden, können andere sich dort ohne weiteres anmelden?“ Der Blogger „Roya-e Azadi“ schreibt: „Facebook, von sanfter Revolution zur Plattform des Führers.“ Damit verweist der Blogger auf Vorwürfe der Regierung, Facebook-User hätten angeblich eine „sanfte Revolution“ durchführen wollen: Sie seien Werkzeuge der „Zionisten“. Und auch „Roya-e Azadi“ fragt sich, ob mit dem Eintritt von Khamenei das Facebook-Verbot aufgehoben werde. Ein User klagt über den Konflikt um das iranische Atomprogramm: „Beenden Sie doch diesen Streit. Ich habe es satt. Es ist einfach zu viel: die internationalen Sanktionen, das Auf-und-Ab der Devisenkurse.“ Ein anderer fragt Khamenei, warum im Iran keine Meinungsfreiheit gebe.Heftig diskutiert wurde allerdings über ein Schwarzweiß-Foto aus den 60er Jahren, das auf Khameneis Seite gepostet wurde. Dort sind der verstorbene iranische Revolutionsführe Ayatollah Ruhollah Khomeini und gleich hinter ihm der junge Khamenei zu sehen. Das Foto soll die enge Freundschaft zwischen den beiden abbilden. Doch viele Facebook-User vermuten, es sei manipuliert, um von der Beliebtheit des Gründers der Islamischen Republik zu profitieren. Erstaunlich ist immerhin, dass kritische Kommentare auf Khameneis Facebook-Seite geduldet werden. Denn nicht nur Facebooknutzung, sondern auch, den religiösen Führer zu kritisieren, steht im Iran unter Strafe.

Gegenaktion zur Khameneis Facebook-Seite

Screen shot: Facebook-Seit "Nein Nein zu Khameneis Auftritt bei Facebook“

Screen shot: Facebook-Seit „Nein Nein zu Khameneis Auftritt bei Facebook“

Kritik äußert sich aber nicht nur in Kommentaren. User haben auf Facebook eine neue Seite erstellt: „Nein zu Khameneis Auftritt bei Facebook“ heißt sie. Andere geben technische Hinweise, wie man Khameneis Seite bei Facebook melden kann. Man solle unter „Funktionen“ den Befehl „Diese Seite sollte nicht auf Facebook erscheinen“ eingeben und an Facebook weiterleiten, schreibt ein User.

Satirische Kommentare

Auch humorvolle Reaktionen auf Khameneis Facebook-Seite gibt es. Der Blogger „evolution-adam“ hat sie als Screen shot manipuliert und dieses als „Khameneis Facebook-Freunde“ bezeichnet. Unter Khameneis angeblichen Freunden findet man dort unter anderem den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong II, den Generalsekretär der islamistischen libanesischen Partei Hisbollah Hassan Nasrallah, den syrischen Präsident Bashar al-Assad und Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Blogger „tohirow“ denkt sich aus, welche Funktionen und Angaben künftig bei Facebook hinzugefügt werden könnten. Auf seiner langen Liste ist unter „Neue Facebook-Optionen“ zu lesen: „Eine Zusatzfunktion neben dem Button ‚Like‘ ist der Button ‚Schlagstock‘, den man bei Kommentaren oder geposteten Beiträgen anwenden kann“ — eine Anspielung auf die gängige Praxis in der Islamischen Republik, jeder Art von Kritik mit Polizeigewalt und harten Strafen zu begegnen. Ein anderer schreibt: „Mein Herr, du bist ein Nachfahre des Propheten, du bist heilig, Gott hört auf dich — bitte bete für uns, damit der Schah zurückkommt und wieder die Macht im Iran übernimmt!“

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